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Vor langer, langer Zeit, im 10. Jahrhundert, wurde in China erstmals etwas entwickelt, das Menschen auf der ganzen Welt das Leben erleichtern sollte: Papiergeld. Bis zur Erfindung des Bargelds mussten Waren mit anderen Waren bezahlt werden, sei es Schmuck, Lebensmittel oder Dienstleistungen.

Dies machte Handel ungleich komplizierter, da die Ware im eigenen Besitz nicht unbedingt die sein muss, die der Tauschpartner gerade braucht, vielleicht ist sie auch verderblich oder schwer zu transportieren oder nicht beliebig teilbar. Bargeld hingegen kann von jeder Person für verschiedenste Güter und Dienstleistungen ausgegeben werden, da es (innerhalb des Währungsraums oder auch darüber hinaus, siehe Dollar) gerne akzeptiert wird.

Weiters verdirbt Bargeld nicht, man kann es in kleinere oder größere Scheine und Münzen problemlos wechseln und auch Preise sind in der gleichen Währung angeschrieben, die sich im Geldbörsl befindet.

Bis vor wenigen Jahrzehnten wäre unser Wirtschaftssystem ohne Bargeld nicht denkbar gewesen. Doch nun beginnen Staaten, Obergrenzen für Bargeldtransaktionen einzuführen bzw. zu diskutieren - viele reden schon von einer „bargeldlosen Gesellschaft“. Woher kommt der plötzliche Sinneswandel?

Obergrenzen für Bargeld

Portugal, Spanien, Italien, Frankreich und Belgien sowie viele osteuropäische Staaten haben bereits Obergrenzen für Bargeldtransaktionen eingeführt. In Frankreich und Portugal liegt diese Grenze bereits bei 1000 Euro (Ausnahmen gibt es für Ausländer und Käufe unter Privatpersonen), in Spanien bei 2.500 Euro und in Belgien bei 3.000. Polen ist hier etwas kulanter, hier müssen erst 15.000 Euro unbar bezahlt werden.

Die Argumentation ist meist recht ähnlich. Der Staat muss ja verfolgen können, wie Terroristen ihre Geschäfte tätigen und niemand kann wollen, dass Deals unter Drogenhändlern im Dunkeln bleiben. Wer möchte schließlich Mafiapaten Privatsphäre gewähren? Tatsächlich hinterlässt jede unbare Transaktion, sei es mit Karte oder per Banküberweisung, unweigerlich Spuren. Datenschutz muss hier gesetzlich gewährleistet werden, technisch könnte jeder Einkauf problemlos nachverfolgt werden. Nur Papiergeld bietet echte Anonymität, hier werden keine Daten vom Käufer preisgegeben.

So weit die Fakten. Doch auf den zweiten Blick wackelt die Argumentation etwas. Wenn Geschäfte bar im Dunkeln getätigt werden, geschehen sie genau dort: im Dunkeln, unbeobachtet. Die Parteien werden sich kaum gegenseitig verklagen, und sonst hat’s keiner gesehen.

Auch die Nachverfolgung von Transaktionen kann sich schwierig gestalten, wenn sie von Strohmännern oder Briefkastenfirmen getätigt werden. Kaum jemand mit kriminellen Absichten wird sich beeindrucken lassen. Der Linzer Ökonom Friedrich Schneider beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Schattenwirtschaft und Kriminalität. Er hält die Effekte einer Abschaffung des Bargelds auf die Schwarzarbeit für sehr gering und schätzt, dass die Kriminalität um etwa drei bis fünf Prozent und die Schattenwirtschaft um ca. ein bis zwei Prozent zurückgehen wird. Die Auftraggeber von Pfuschern würden Bargeld als Zahlungsmittel einfach mit anderen Waren substituieren.

Bargeld – bald nur mehr im Museum?

Nachdem die ersten Länder Obergrenzen für Barzahlungen eingeführt hatten, begann die Diskussion um die Abschaffung des 500-Euro Scheins. Er würde, wiederum, nur kriminellen Aktivitäten dienen, für Bürger sei er im Alltag kaum von Nutzen. Geschaffen wurde er einst als Äquivalent zum 1.000 DM-Note und zum 5.000-Schilling Schein. Nun weigern sich viele Einzelhändler, ihn anzunehmen, und kaum ein Bankomat gibt 500-Euro Noten aus. Ähnlich verhält es sich mit dem 200-Euro Schein, er führt seit jeher eher ein Schattendasein.

Befreit nun die Abschaffung von Papiergeld hoher Nominale von Kriminalität und Schattenwirtschaft? Ein Blick in die USA, deren größte Note seit 1945 100 Dollar sind, würde dies eher verneinen.

500 Euro Scheine im Umlauf 2014/15 Der Chart rechts zeigt eine interessante Entwicklung: Seit 2014 erstmals ein Zinssatz der EZB unter null fiel, stieg die Anzahl der 500-Euro Scheine im Umlauf stark an. Schließlich können mit diesen Scheinen hohe Mengen Bargeld sehr einfach gelagert werden, abseits von Banken und ohne dass jemand Notiz davon nimmt, abgesehen von der Behebung von einem Konto. Einen noch eindrucksvolleren Sprung machten die 500-Euro Scheine im Umlauf im Herbst 2008, als die Finanzkrise gerade voll ausbrach. Innerhalb eines Monats stieg die Anzahl von Noten im Umlauf um 50.000 Stück (Chart unten).

500Euro Scheine Chart 2008 Ähnlich zeigt sich das Bild in der Schweiz, die mit dem 1.000-Franken Schein den 500-Euro Schein übertrumpfen kann, denn 1000 CHF entsprechen etwa 907 Euro. Leider bietet die Schweizerische Nationalbank nicht derart detaillierte Statistiken wie die EZB, aber sie verrät, dass 62% des Werts des gesamten Franken-Bargelds in 1.000-Franken Scheinen ausgegeben wurden. In Stückzahlen machen die größten Scheine 10,3% aus.

Was bewirkt nun eine Zentralbank, wenn sie Scheine mit der größten Nominale abschafft? Sie nimmt eine Möglichkeit der Wertaufbewahrung. Das oberste Ziel der EZB ist die Wahrung der Preisstabilität, definiert als Inflationsrate von knapp, aber unter 2% per anno. Zur Steuerung verwendet sie traditionell eine Reihe von Zinssätzen.

Doch seit Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 scheint das traditionelle Instrumentarium zu versagen, die Preise sinken trotz sehr niedriger Zinsen, und so wurde es durch breitgefächerte Anleihenkäufe erweitert. Im Juni 2014 ist der Zinssatz für Übernachteinlagen der Banken bei der EZB unter null gesunken, das heißt, Banken verlieren Geld, wenn sie dieses einlegen. Soll diese Methode ausgeweitet werden, sodass auch Unternehmen und Private fürs Sparen zahlen müssen, steht dem die Möglichkeit der sicheren und einfachen Wertaufbewahrung abseits von Bankkonten im Weg. Konkret müssen große Bargeldscheine abgeschafft werden. Denn wer legt schon sein Geld zu negativen Zinsen aufs Sparbuch, wenn die Matratze zumindest 0% bietet?

Die Abschaffung des 500-Euro Scheins ist ein erster Schritt in diese Richtung, der 200-Euro Schein und weitere könnten folgen. Das Kalkül dahinter: Umso kleiner die Scheine, umso mühsamer ist es, größere Summen bar zu horten. 10.000 Euro in 500er-Scheinen sind nur ein dünner Stoß, soll dieselbe Summe in 50er Scheinen aufbewahrt werden, ist dies schon umständlicher.

Daher würden Menschen einen leicht negativen Zinssatz eher akzeptieren, wenn es schwieriger ist, das Geld bar aufzubewahren. Und bevor man am Konto sicher Vermögen verliert, geht man doch lieber shoppen und hilft so der EZB dabei, das Preisniveau zu heben und bringt die Wirtschaft in Schwung.

Dass jeder Bürger beim Shoppen dann durch Kartenzahlungen Spuren seines Bewegungsprofils und seiner Präferenzen für Güter und Dienstleistungen hinterlässt, ist auch ein Nebeneffekt. Terroristen, Mafiapaten und Drogendealer können so leichter identifiziert werden und Behörden verfolgen die Kontakte zwischen ihnen.

Oder die Geschäfte werden in ausländischer Währung, in Edelmetallen oder Diamanten getätigt und Überweisungen erfolgen von Karibikinseln aus.

Dann hilft die schrittweise Abschaffung des Bargelds immer noch der EZB.

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